Eine Frage der Balance – Zur Zukunft des Kurfürstendamms

Foto: Holger Matte - iStockphoto.com
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Wo auch immer: Champs Elysées, Fifth Avenue, Gran Via in Madrid, Omotesando in Tokio – in aller Welt singen Kulturkritiker seit Jahrzehnten das Lied vom unaufhaltsamen Untergang der großen Boulevards. An Anschauungsmaterial fehlt es ihnen nicht. Wo es früher ein ausgewogenes Verhältnis gab zwischen Geschäftswelt einerseits, Hochkultur, Tanzhallen und Varietés, Cafés und Gastronomie andererseits, dort beherrschen heute globale Modeketten und Luxus-Flagship-Stores das Straßenbild. Statt des klassischen Flaneurs sehen wir Käufer- und Touristenmassen, die sich durchs Verkehrschaos quälen. Meist sind es sündhafte Immobilienpreise, engstirnige Politiker und bürokratische Stadtplaner, banausenhafte Architekten und Bauherren, die als Ursachen und Schuldige für dieses Untergangsszenario herhalten müssen.

Unsinn. In Wirklichkeit ist die Zukunft der großen Boulevards ein offenes Spiel. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, und die Chancen für eine Renaissance der großen Prachtstraßen stehen gar nicht mal so schlecht. Wie in allen großen Metropolen stehen sich in diesem Spiel auch am Berliner Kurfürstendamm zahlreiche Akteure mit den unterschiedlichsten Interessen gegenüber. Sie lassen sich jedoch vereinfacht und mit etwas Chuzpe in zwei Lager aufteilen: in Träumer und Realisten.

Zunächst die Realisten: Lokalpolitiker und Verwaltungsbeamte, die stundenlang und mit Leidenschaft über Leitlinien für Gehwegbelege, Maßnahmen zur Straßenbegrünung oder über Hundekotprobleme diskutieren können. Dagegen winken sie millionenschwere Bau- und Gestaltungsbewilligungen relativ schneller durch – „es geht um Steuern und Arbeitsplätze“. Ebenso in diesem Lager vertreten: Unternehmer und kleine Gewerbetreibende, anliegende Anwaltskanzleien und Arztpraxen, Hoteliers und Gastronomen. Sie organisieren sich in Vereinen und Arbeitsgemeinschaften, um in der Verkehrs- und Straßengestaltung gemeinsame Interessen besser durchsetzen zu können.

Ihnen gegenüber, alle großen und kleinen „Sünden gegen den Kufürstendamm“ beklagend, haben wir das Lager der Träumer und Idealisten: Ökologen, die von einem grünen, autofreien Fahrrad- und Fußgänger-Boulevard träumen. Die riesige Musik- und Tanzszene Berlins, die – in wehmütiger Erinnerung an die erste Love Parade – vom „Swinging Kudamm“ träumt. Die Schwulen und Lesben Berlins, die im Stil von „Wild City“ phantasieren. Junge Architekten und Stadtplaner, deren Konzepte zum nachhaltigen Bauen oder zu intelligent vernetzten Leitungssystemen meist im Berliner Mief verwelken. Und nicht zu vergessen: Anwohner und Bürgerinitiativen, die tapfer gegen die Verdrängung von Theatern und Traditionskinos kämpfen.

Keine Frage, welches dieser beiden Lager den Kudamm und die Viertel um ihn herum beherrscht. Wie alle großen Boulevards ist auch der Kurfürstendamm nahezu restlos durchkommerzialisiert, und nichts fällt leichter, als daraus ein tristes Zerrbild zu zeichnen: Schickimicki. Kein wirkliches Nachtleben. Die jugendlichen Easyjet-Besucher aus aller Welt, sie finden wie ihre Altersgenossen aus Berlin diese Einkaufsmeile schon längst nicht mehr cool. Sie flanieren abends lieber irgendwo durch Kreuzberg oder Berlin-Mitte. Tagsüber parken Hunderte von Zulieferern, Luxuslimousinen und SUV-Automobilen den Kudamm zu. An den Wochenenden dürfen ein paar Motorrad- und Autofahrer aus den Vororten oder aus der Provinz verrückt spielen, den Boulevard ungestraft volldröhnen und ihn in eine Rennstrecke verwandeln.

Foto: Bocman - Shutterstock.com
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Ein einseitiges Bild, keine Frage, dem man ebenso rasch alte und neue Highlights des Kudamms und der City West entgegen halten könnte: Literatentreffs, Künstlerlokale, Theaterszene, Hoch- und Popkultur – wer die Augen offen hält, kann diese geschrumpfte Körperhälfte eines traditionellen Boulevards durchaus noch erkennen.

Aber simple Vergleiche und Vorurteile helfen nicht weiter, wenn es um die Frage geht: Welche Zukunft hat der Kurfürstendamm? Die sarkastische Antwort auf diese Frage lautet, es kann nur besser werden. Und dennoch liegt man mit dieser Antwort nicht falsch: Denn jede durchkommerzialisierte Welt beginnt irgendwann ihre eigenen Geschäftsbedingungen zu untergraben, und dieses Stadium haben der Kurfürstendamm wie seine berühmten Verwandten in aller Welt seit Jahren erreicht. Je dominanter, je monotoner das Bild einer Einkaufsmeile, umso größer ihr Risiko, an ihren Erfolgen zu kollabieren und Widerstand zu provozieren.

Zudem muss man wissen, dass auch die Geschäfte und Dienstleistungsanbieter am Kurfürstendamm unter dem zunehmenden Druck des Internet und des Online-Handels stehen. Nur dann, wenn ihre Offerten und das Einkaufen am Boulevard nicht allein in PR-Broschüren, sondern tatsächlich eine „urbane Unterhaltungs- und Abenteuerwelt“ anbieten, können die Unternehmen diesem Druck standhalten. Und so wissen die Schlauen unter den Realisten, dass sie den urbanen Träumen Platz geben müssen, wenn sie am Boulevard nachhaltig und langfristig reüssieren wollen. Wie umgekehrt die Realisten unter dem Idealisten wissen, dass man häufig Kapital braucht, um Träume zu verwirklichen.

Also keine Bange, wir werden in Zukunft mit wachsendem Vergnügen über den Kudamm bummeln können. Die Chancen, dass sich immer mehr Partner finden, die für ein urbanes Leben an diesem Boulevard streiten, werden mit jeder Sünde, die man gegen ihn begeht, größer. –

Was soll aus dem Ku`damm werden?

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